Claudia Grothus, Praxis für klassische Tierhomöopathie und Hundeverhaltenstherapie
This is:  Cube3

Toolbox: Standortnavigation, PDF-Druck, Schriftgröße, Hilfe

This is:  Cube5

Ein Esel ist ein Esel...

 

...und kein langohriges Pferd.

 

Das war das Erste, was ich über Esel gelernt habe. Esel mögen beim oberflächlichen Betrachten vielleicht so ähnlich aussehen wie Pferde, sie unterscheiden sich aber beträchtlich von ihnen. Nicht nur ihr Körperbau ist anders proportioniert, auch im Verhalten zeigen sie sich eseltypisch. Deshalb erfordert auch der Umgang und die Kommunikation mit dem Esel ganz anderes menschliches Verhalten, als es bei Pferden hilfreich ist. Der Esel ist zum Beispiel kein so ausgesprochenes Fluchttier. Zwar kann er auch einen  ordentlichen Sprint hinlegen, wenn er es für nötig hält, aber die normale Reaktion des Esels bei Stress und Angst ist: Stehenbleiben! Dieses instinktive Verhalten hat dem feinsinnigen und intelligenten Esel das fälschliche Attribut „störrisch“ eingehandelt.

Für die Haltung von Eseln ist es besonders wichtig zu wissen, dass in einigen Bereichen auch die medizinischen Details von Eseln ganz anders sind, als die von Pferden. Wenn ein Esel krank wird und in der Diagnostik und Behandlung die gleichen Gegebenheiten wie beim Pferd vorausgesetzt werden, können gravierende Fehleinschätzungen der Erkrankung und vor allem Fehler in der Behandlung vorkommen.

Hier die wichtigsten Besonderheiten von Eseln, die sie vom Pferd unterscheiden:

Fütterung

Der Esel benötigt weniger als das leichtfuttrigste Pferd! (Nur bestimmte Großeselrassen mit einem Stockmaß von über 130 cm bilden bilden da eine Ausnahme.) Esel brauchen nur in wenigen Ausnahmen Kraftfutter (Getreide). Sie sind mit Heu und einer kargen Weide sehr gut versorgt. Esel sind eigentlich auch Strauch- und Buschfresser. Wer seinen Eseln etwas Gutes tun will, versorgt sie mit Zweigen von ungiftigen Sträuchern und Bäumen (z.B. Kirsche und Zwetschge ohne Früchte, Haselnuss ohne Nüsse, Birke u.a.). Auch im Winter sind solche Zweige nicht nur eine tolle Beschäftigung sondern durch die abgeknabberte Rinde auch eine gesunde Abwechslung auf dem Speiseplan. Fette Weiden machen fette Esel und fette Esel bekommen schneller Hufrehe. Das Körperfett des Esels wird zuerst in einer dicken Wulst am Mähnenkamm des Esels eingelagert. Es ist also oft gar nicht auf den ersten Blick ersichtlich, dass der Esel schon zu dick ist. Man muss den Mähnenkamm fühlen. Ein Esel sollte aber auch nicht so dünn werden, dass man Rippen sehen kann!

Antibiotika

Penicillin, das nach Richtlinien für Pferde verabreicht wird, erreicht bei  Eseln keinen therapeutischen Blutspiegel.

Kastration

Die Kastration von Eselhengsten muss unbedingt von einem in Eselkastration erfahrenen Tierarzt vorgenommen werden, oder der Tierarzt muss vorher entsprechen geschult sein. Die Operationstechnik, die bei der Kastration von Pferden angewendet wird, führt bei Eseln zu extremen Blutungen. Es ist schon häufig vorgekommen, dass Eselhengste aufgrund einer falschen Operationsmethode gestorben sind.

Zahnwachstum

Der Zahnwechsel bei Eseln unterliegt anderen Abläufen, als der von Pferden. Esel im Alter von 10 Jahren können immer noch kein gleichmäßiges Gebiss entwickelt haben, ohne dass dies pathologisch wäre. Auch die Altersbestimmung anhand der Zähne wird durch diese Gegebenheit erschwert. Die Anhaltspunkte, welche das Pferdegebiss zum Rückschluss auf das Alter des Tieres gibt, sind beim Esel nicht anwendbar. Zum Beispiel hat der Esel anders geformte Eckzähne.

Nasenschlundsonde

Bei einigen Erkrankungen von Pferden (z.B. Kolik) wird es notwendig, dass der Tierarzt eine Nasenschlundsonde einführt. Die Kehlkopftaschen des Esels sind aber anders geformt und anders gewinkelt als bei Pferden. Deshalb bleibt beim Esel die Magenschlundsonde stecken und der Tierarzt könnte sogar beim Versuch, sie weiter zu schieben, den Esel verletzen.

Endoskopie der Atemwege

Der Öffnungswinkel der Luftröhre vom Rachen zum Kehlkopf ist beim Esel anders gewinkelt als beim Pferd. Außerdem hat der Esel einen engeren ventralen Nasengang. Deshalb kann es hier bei der Einführung einer Sonde zu starken Blutungen kommen. Es wird empfohlen, bei  Eseln allgemein eine kleinere Sonde als für ein gleich großes Pferd zu verwenden.

Drosselvene

Diese am Hals gelegene Vene wird in der Regel zur Blutabnahme bei Pferd und Esel verwendet. Beim Esel ist eine Muskelgewebsschicht (M. cutaneus colli) deutlich dicker als beim Pferd, so dass beim Esel die Drosselvene leichter oberhalb oder unterhalb dieses Muskels zu ertasten ist. Für die Blutabnahme sollte der Arzt das obere oder untere Drittel der Drosselrinne nutzen.

Tränennasenkanal

Die untere Öffnung des Tränennasenkanals finden wir beim Esel an anderer Stelle, als beim Pferd. Beim Pferd liegt diese Öffnung medial am Nüsterngrund, beim Esel  lateral und leicht dorsal zur Nüster. Diese Angaben sind wichtig, wenn es nötig wird, den Tränennasenkanal beim Esel über die nasale Öffnung zu spülen.

Narkose in den Epiduralraum

Bei manchen Erkrankungen und Operationen ist es notwendig, ein Narkosemittel in den unteren Rücken zu injizieren. Hierzu muss der Tierarzt wissen, dass beim Esel das Kreuzbein anders geformt ist, als beim Pferd. Beim Pferd wird die Betäubung an einer anderen Stelle und in einem anderen Winkel gesetzt, als beim Esel.

Beruhigungs- und Betäubungsmittel

Hausesel reagieren meist empfindlicher als Pferde auf Sedativa. Sie benötigen also eine geringere Dosis.

Trächtigkeit

Eine Eselstute, die ein Fohlen erwartet, zeigt einen schwächeren Uterustonus als eine Pferdestute, ohne dass dies pathologisch wäre. Die Gebärmutter der Eselin ist länger und schmaler im Durchmesser als die einer Pferdestute.

Blutwerte

Esel können andere physiologische Blutwerte haben als Pferde. So finden wir bei Eseln zum Beispiel keine jungen roten Blutkörperchen (Retikulozyten) im peripheren Kreislauf, die roten Blutkörperchen sind von geringerer Zahl, aber dafür größer. Genauere Angaben zu abweichenden Blutwerten finden Sie in den unten angegebenen Links.

Temperatur

Esel haben eine große Bandbreite in der Normaltemperatur. Sie können im Verlauf eines Tages Unterschiede von bis zu 4°C aufweisen, ohne dass dies krankhaft wäre. Die Durchschnittstemperatur eines Esels liegt bei 37°C. Am Morgen von kühlen Tagen können dies aber auch nur 35,5°C sein. In heißen Gegenden oder im Hochsommer kann der Esel mit 39°C eine Normaltemperatur haben. Esel sind in der Lage bei Außentemperaturen bis 46°C ihre Körpertemperatur nicht über 39,2°C ansteigen zu lassen. Sie sind sehr hitzeunempfindlich.

Fell

Eselfell ist im Gegensatz zu Pferdefell nicht fettig. Im Winterfell ist der Esel gut gewärmt, aber gar nicht gut gegen Nässe geschützt. Deshalb sollten Esel bei Kälte und starkem Wind nicht durchnässen. Besonders Fohlen können bei Durchnässung auch im Sommer sehr schnell unterkühlen und sich Lungenentzündungen zuziehen. Wenn Esel im Winter eine Rektaltemperatur von unter 37°C bis zu 35°C aufweisen, liegt das meist an einer witterungsbedingten Auskühlung und nicht an anderen Krankheiten, die normalerweise Untertemperatur aufweisen. Trotzdem ist es natürlich nicht gut für den Esel, eine so niedrige Körpertemperatur zu haben.

Äußerung von Schmerz oder Unbehagen

Wie das Pferd, so besitzt auch der Esel keinen Schmerzlaut. Diese Tiere leiden still. Der Esel zeigt uns Unbehagen oder Schmerzen auch sonst noch weniger als das Pferd. Er scheut nicht und zeigt kein Fluchtverhalten, sondern leidet still und stumm vor sich hin. Dies führt zuweilen dazu, dass man den Eindruck hat, widrige Bedingungen würden dem Esel nichts ausmachen. So werden viele Esel quasi am Bodensatz der gerade noch erträglichen Bedingungen (Untergrund, Stall, Temperatur, Futter) gehalten, ohne dass den Haltern bewusst wird, dass es ihrem Esel nicht gut geht. Auch die so „robusten“ und „genügsamen“ Esel sollten immer mit hohem Anspruch, viel Sorgsamkeit und Fachkenntnis gehalten werden!

 

Ein Esel ist ein schlechter Ersatz für ein Pferd.
Ein Pferd ist ein schlechter Ersatz für einen Esel.
Bedingungen, die für Pferde zu schlecht sind, sind auch zu schlecht für Esel.

 

Claudia Grothus

 

Folgende Links können Ihrem Tierarzt zu den oben erwähnten Besonderheiten genaue Informationen liefern:

http://esel-online.de/links/medizinische_dokumente_zu_esel_miniesel_muli.htm

http://www.ivis.org/proceedings/AAEP/2002/910102000102.pdf

http://en.wikivet.net/Pharmacology_-_Donkey

 

Die Interessengemeinschaft Esel- und Mulifreunde (IGEM) ist gerne behilflich, Tierärzte mit Eselerfahrung zu finden. 

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen Kolleginnen Petra Reiner,  Petra O’Shea und Anissa Gömann bedanken, die durch das Übersetzen der englischen Fachliteratur maßgeblich zum Entstehen dieses Artikels beigetragen haben.

 

This is:  Cube6 - Hauptinhalt
This is:  Cube7
This is:  Cube9