Neue Buchrezension

Jeremy Rifkin "Das Zeitalter der Resilienz"

 

Von der ökonomischen Anpassung an die Natur

Steigende Effizienz bewirkt sinkende Resilienz – das ist der ganze Trick, den die Wirtschaft seit Beginn der Industrialisierung schlichtweg übersehen hat. Will sagen: So lange die Made im Speck sitzt, gibt es ja keinen Grund, mit dem Fressen aufzuhören oder auch nur darüber nachzudenken, wann der Speck womöglich mal alle ist …

Schlaraffenland ist jetzt aber abgebrannt oder abgesoffen – je nach dem - , oder wird es in Kürze sein. Tatsache. Das kann man bestreiten, aber dadurch nicht verhindern.

Effizienz bezeichnet das Verhältnis zwischen Leistung und Erfolg, beziehungsweise Einsatz (Kosten) und Gewinn (Ertrag). Und wir alle sind damit aufgewachsen, dass Effizienz etwas Gutes und äußerst erstrebenswert ist. Alles, was Vorgänge vereinfacht und bei weniger Arbeit und Kosten mehr Komfort oder Gewinn bewirkt, das wollen wir. Wer das schafft, der verhält sich vorbildlich, der hat begriffen, worum es in dieser Welt geht.

Bei uns in der Gegend hat jemand mehrere große, gesunde Obstbäume mitsamt Wurzel aus seinem Garten gerissen, damit der Mähroboter den Rasen besser pflegen kann. Vorbildlich, dieser Mitbürger: mehr Effizienz bei weniger Arbeit. Wie töte ich meinen Grund und Boden am effektivsten und nachhaltigsten ab? By the way: Rasen hat nichts mit Natur zu tun. Und im nächsten Klimawandel-Sommer muss dieser Rasen bewässert werden, sonst ist das nur noch Wüste. Das Areal besitzt nämlich ohne die Obstbäume und mit akkurat gekürztem Gras keine Resilienz gegenüber dem veränderten Klima.

Dieses Beispiel beschreibt das ganze Thema, worum sich Jeremy Rifkins Buch in vielen, höchst interessanten Schleifen dreht. Und es verdeutlicht dieses Denken von zwölf bis Mittag, das immer noch stumpf die überholten (Selbst-)Werte hochhält: Ordnung, Effizienz, Kontrolle.

So viel zum Überdruss.

Wir stehen alle vor grundlegenden Veränderungen. Unsere vertrauten Systeme halten den Anforderungen des Klimawandels nicht mehr stand. Wer sich auf die Suche nach Korrektur, Anpassung oder gar revolutionären Umbrüchen begibt, der sollte wissen, wo wir herkommen, vor welchem Background wir handeln. Bei dieser Rückschau, die eine Vorausschau erst sinnvoll möglich macht, bietet Rifkin fundierte Denkhilfen an.

Jeremy Rifkins Buch, das immerhin auf 40 Erfahrungsjahre eines renommierten Ökonomen beruht und daraus auch seine Schlüsse zieht, ist sehr hilfreich für den eigenen Prozess, sich in all dem drohenden Chaos zu positionieren und eine Richtung einzuschlagen.

Man muss allerdings bereit sein, Konzentration und Zeit aufzuwenden. Rifkin liest sich zwar sehr gut, ist aber so voll mit Informationen und spannenden Denkansätzen, dass es nicht zur Gute-Nacht-Lektüre taugt.

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