Leif
von Claudia Grothus
Im Wald krachte und knackte es. Mit brachialem Getöse stürmte ein Tyrannosaurus Rex aus dem Unterholz, dicht gefolgt von einem wutschnaubenden Velociraptor. Der Velo war viel kleiner als der Rex, aber dafür schneller und wendiger. Der Rex hatte ihm einen fetten Pterandon weggeschnappt. Auf einer Lichtung kämpften die beiden Tiere erbittert um ihre Beute. Sie brüllten, umkreisten sich, warfen mit ihren Körpern achtlos Bäume um und bissen sich, nach einem heftigen Gerangel, mit ihren langen, messerscharfen Zähnen ineinander fest. Jetzt nützte dem Velo keine Schnelligkeit mehr, denn der Rex hatte einen seiner gefiederten Arme im Maul. Er wehrte sich verzweifelt, klemmte die Kehle des Rex zwischen seine Kiefer und drückte zu. So rollten sie fauchend, schnaubend und um sich schlagend über die Lichtung. Der Kampf war jetzt auf beiden Seiten aussichtslos. Aber sie gaben nicht auf.
Es dauerte nicht lange, bis sie beide inmitten der umgestürzten Bäume liegen blieben. Der Rex versuchte, noch einmal auf die Beine zu kommen, aber er hatte keine Kraft mehr. Er brach neben seinem toten Feind zusammen und tat seinen letzten Schnaufer.
Die entwurzelten Bäume lagen mit ihren grünen Kronen kreuz und quer auf der Lichtung. Im Hintergrund ragten zwei dicke hölzerne Pfosten auf, von denen das Furnier abgeplatzt war.
Auf der Sitzfläche des alten Stuhls hatte sich soeben ein urzeitlicher Kampf um Leben und Tod abgespielt. Die Plastikbäume und Saurier lagen in wildem Durcheinander. Einige Bäume waren über den Rand auf den sandigen Boden abgestürzt.
Leif kniete verschwitzt und von dem dramatischen Kampf erfüllt vor dem Stuhl, die kleinen Hände noch an den Körpern der Spielfiguren.
Der Stuhl stand draußen vor dem Haus auf der freien Fläche aus Sand und Staub. An manchen Stellen ragten borstige Büschel vertrockneter Pflanzen aus dem letzten Jahr empor.
Das Haus mit der hölzernen Veranda war farblos. Wind und Sand hatten seinen Anstrich längst abgeschliffen. Dahinter stand ein verfallener Stall vor einer weiten Ebene voller grauer Stümpfe, silberner Stämme und nackter Äste. Mama nannte die Ebene „Wald“. Sie sagte, früher wäre der Wald grün gewesen und hätte genauso ausgesehen wie seine Plastikbäume. Wenn Leif Holz für den Herd sammelte, dann versuchte er manchmal, sich vorzustellen, wie grüne Baumkronen hoch über seinem Kopf in den Himmel ragten.
Vor dem Haus, ein Stück hinter dem Stuhl, zeichnete ein schmaler Graben ein großes Karree in den sandigen Boden. Mama nannte dieses Viereck „das Feld“. Wenn der Frühling regenreich war, wuchsen dort Kichererbsen und kleine, harte Radieschen. Im Moment wuchs gar nichts, denn es war Winter. Erst in einem oder zwei Monaten würde es wieder regnen. Leif mochte den Frühling nicht. Der Regen verwandelte den Sand in knöcheltiefen Schlamm. Außerdem kamen dann die Stürme. Nach den Stürmen wurde es heiß. Und erst im Herbst, wenn der Boden von der Trockenheit aufgerissen war, konnte er endlich wieder draußen spielen.
„Leif, komm herein, es wird bald dunkel!“
Mama war vor die Tür getreten. Sie achtete immer darauf, dass er im Dunkeln Zuhause war. Dabei hätte er so gerne den Mond und die Sterne beobachtet.
Er stopfte seine Dinos und Bäume in eine zerschlissene Plastiktüte und rannte ins Haus. Dabei spielte er mit ausgebreiteten Armen, er wäre ein fliegender Pterandon.
„Spiel noch ein Bisschen am Tisch“, sagte Mama und strich ihm über den Kopf. „Ich mach dir gleich Essen.“
Leif legte seine Tüte auf den Küchentisch. Er hatte jetzt keine Lust mehr auf die Saurier. Lieber hätte er die Kühe, Schweine und Pferde aufgestellt, aber die hatte Mama ganz hinten im Schrank versteckt. Es gefiel ihr nicht, wenn er damit spielte.
Manchmal, wenn Papa da war, dann erzählte er von früher, als er selbst ein Junge war. Im alten Stall hatten Rinder gestanden. Hühner waren pickend und gackernd um das Haus gelaufen. Das hätte Leif zu gerne gesehen. Papa hatte sogar einen zahmen Hund gehabt.
Hunde gab es immer noch. Aber sie streiften wild umher und waren einer der Gründe, warum Leif im Dunkeln im Haus sein musste.
Dinosaurier hatte es wohl nicht gegeben, als Mama klein war, jedenfalls machten ihr diese Spielfiguren nichts aus.
„Mama, wann wurde deine Mama geboren?“
„Die Oma? Aber die kennst du doch gar nicht. Lass mal überlegen ... Das war neunzehnhundertirgendwas. In den Neunzigern muss das gewesen sein.“
„Gab es da noch Dinosaurier?“
Mama lachte. „Nein Leif, die Saurier waren da schon längst ausge...
...storben.“ Das Ende des Wortes sprach sie so leise, dass es fast unhörbar war.
Sie löffelte sein Kinderpulver in eine Schale. Dann öffnete sie eine Gallone Befeuchter, goss davon ein Wenig über das Pulver und rührte beides zu einem Brei. Sie legte ihm einen Kaustreifen dazu.
„Iss mein Junge, damit du groß und stark wirst.“
Das sagte sie immer. Außerdem sagte sie: „Du musst kauen, sonst fallen dir die Zähne aus!“
Leif aß nicht gerne, aber er hatte inzwischen begriffen, dass es zwecklos war, den Brei und die ewigen Kaustreifen zu verweigern. So kurz vor der Regenzeit gab es nichts anderes.
Früher hatte es Früchte gegeben. Papa sagte, die Früchte wären rot, grün und gelb gewesen Leif glaubte nicht, dass das Essen wirklich so leuchtende Farben gehabt hatte. Alle Dinge schienen früher grellbunt gewesen zu sein.
Papa hatte ihm erzählt, dass sie früher sogar Tiere gegessen hatten. Leif war bei dem Gedanken übel geworden. Einmal hatte er zwischen den grauen Baumstümpfen ein totes Tier gefunden. Das Fell hatte an dem steifen Körper geklebt und es hatte entsetzlich gestunken.
„Leif! Ab nach unten!“
Mamas Stimme klang scharf. Sie war mit zwei Schritten am Schrank, drehte den Schlüssel um und nahm das Gewehr heraus. Leif ließ seinen Löffel auf den Tisch fallen und sprang auf. Während er blitzschnell den dünnen Teppich zur Seite klappte und die Falltür im Boden öffnete, lud Mama das Gewehr schon durch und trat ganz nah an die Haustür.
Leif sah, wie sie durch die kleine Scheibe in der Tür nach draußen spähte. Dann klappt er die Falltür über seinem Kopf zu. Er hörte das Scharren, als Mama den Teppich oben wieder zurückschob.
Es war stockdunkel auf den grob gezimmerten Holzstufen. Der Raum unter dem Fußboden des Hauses war nicht hoch genug, um darin zu stehen. Leif hockte sich dicht an die untere Stufe und stütze sein Kinn auf die Knie.
Er lauschte.
Gedämpft hörte er Mamas Stimme. „Gehen Sie weiter. Ich habe ein Gewehr. Verschwinden Sie oder ich schieße.“
Leifs Herz begann wild zu klopfen.
„Ich meine es ernst!“ Mamas Stimme klang schrill. Sie hatte Angst.
Leif zog die Schultern zusammen. Er konnte kaum noch hören, was oben geschah, weil sein Atem so laut ging. Die Stimme seiner Mutter, zersplitterndes Glas und dann ein lauter Schuss.
Leif hielt sich die Ohren zu und duckte seinen Kopf näher an die Knie. Dumpf hörte er einen zweiten Schuss.
Dann passierte nichts mehr. Er nahm die Finger aus den Ohren, hob den Kopf ein wenig und lauschte. Nichts. Schritte. Das Schaben des Teppichs. Die Luke über ihm öffnete sich.
„Leif? Alles okay?“
„Mama!“ Als sie ihn in die Arme nahm, presste er sich an sie.
„Ist schon gut Kleiner, schon gut!“ Mamas Hand, die seinen Kopf streichelte, zitterte.
Sie blieben eng umschlungen auf dem Boden sitzen und wiegten sich leise.
„Sind sie weg?“, fragte Leif, den Kopf in Mamas Halsbeuge geschmiegt.
„Könnte man so sagen“, antwortete Mama. Das hatte sie jetzt gesagt, als würde sie zu einem Erwachsenen sprechen. Er hob den Kopf und schaute sie fragend an.
„Du bist ein großer Junge, nicht wahr?“, fragte Mama.
Er nickte.
„Ich muss jetzt da draußen etwas tun und so lange musst du alleine hier im Haus bleiben. Schaffst du das?“
Wieder nickte er. Und er fühlte sich sehr tapfer.
„Und du schaust nicht aus dem Fenster, okay?“
Er schüttelte den Kopf.
„Setz dich einfach aufs Sofa. Es wird ein bisschen dauern, aber es ist alles in Ordnung und wir sind sicher. Hast du das verstanden?“
„Ja.“
„Du bist ein toller Junge!“ Mama küsste ihn auf die Stirn, bevor sie vom Boden aufstanden. Leif setzte sich in die Sofaecke. Mama nahm das Gewehr und ging hinaus.
Die kleine Scheibe in der Tür war zersplittert. Ein leichter Wind wehte durch das Loch herein. Draußen wurde es langsam dunkel.
Leif wippte mit den Füßen, die über der Sofakante hingen. Mit einem Finger pulte er in einem kleinen Loch im Gewebe des dicken Polsters, auf dem er saß. Ihm war langweilig. Er wollte wissen, was Mama draußen machte. Aber er hatte versprochen, ein großer, tapferer Junge zu sein, deshalb blieb er sitzen. Er zog die Beine ganz auf das Sofa und schmiegte sich an die Armlehne. Das war gemütlich. Gedankenverloren knibbelte er an einer Kruste an seinem Knie.
Als Mama ihn weckte, war es draußen hell. Er hatte gerade etwas von einem T-Rex geträumt, dessen grüner Kopf durch die Haustür hereingespäht hatte.
Mama sah müde aus und schien gar nicht im Bett gewesen zu sein.
„Komm mit, ich habe etwas tolles gefunden!“, sagte sie. Leif sprang vom Sofa und trat mit Mama vor die Tür.
Der Stuhl, auf dem er gestern noch gespielt hatte, war umgefallen und zerbrochen. Direkt daneben lag ein großes, rundliches Bündel. Sie traten näher und er erkannte, dass es ein zerschlissener Rucksack war. Er stand oben offen und einige große Gegenstände waren zu sehen.
„Nimm etwas heraus“, forderte Mama ihn auf.
Leif holte mit beiden Händen etwas Großes, Rundes ans Licht. Es war schwer und darinnen schwappte es.
„Weiter“, ermunterte Mama ihn.
Es kamen noch weitere von den runden Dingern zum Vorschein. Sie waren verschieden groß und schimmerten silbern mit Resten von Papier daran.
„Was ist das?“
„Das sind Konservendosen. Darin ist ganz tolles Essen!“
Leif wurde aufmerksam. Bilder von leuchtenden Farben tauchten vor seinem inneren Auge auf.
Gemeinsam trugen sie die Dosen ins Haus und bauten sie auf dem Küchentisch auf.
„Du darfst dir eine aussuchen, die wir sofort öffnen. Die anderen bewahren wir auf, bis Papa wieder da ist. Das ist dann unsere Überraschung für ihn.“
Leif zeigte aufgeregt auf eine von den großen Dosen und Mama holte ein seltsames Werkzeug aus der Kramschublade. Damit schnitt sie das Metall am oberen Rand auf. Sie schnupperte und strahlte ihn dann an. „Es ist Obst!“
Leif beugte sich über die geöffnete Dose und schaute hinein. Große, runde, Dinger schwammen in einem durchsichtigen Saft. Sie waren orange! Er konnte es kaum fassen. Es stimmte wirklich, was Papa über die Farben erzählt hatte.
„Und das kann man essen?“, fragte er skeptisch.
Mama war schon aufgestanden und holte eine saubere Schale aus dem Küchenschrank. Mit einer Gabel stach sie in die Dose und beförderte eins von den orangen Dingern heraus. Es flitschte ein bisschen in der Schale hin und her und sah aus wie ein halb durchgeschnittener Ball. Mama zerteilte es in kleinere Stücke, spießte dann eins davon auf und hielt es ihm hin.
Sehr zögerlich nahm Leif die Gabel. Er starrte das orange Stück an. Schnupperte.
„Es riecht gut.“
„Es schmeckt auch gut. Probiere es!“
Leif streckte seine Zunge heraus und leckte erst einmal probeweise an dem seltsamen Ding.
Es war süß und irgendwie – hell, bunt? Er kannte kein passendes Wort für das, was er schmeckte.
Vorsichtig schob er sich das ganze Stück in den Mund. Erst war es glibberig und etwas fest. Nicht wie Brei. Aber auch nicht wie Kaustange. Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, als seine Zähne hindurchbissen. Und dann breitete sich in seinem Mund etwas Unglaubliches aus. Leif riss die Augen auf und Mama lachte. Sie nahm sich mit spitzen Fingern auch ein Stückchen aus der Schüssel und als sie es sich in den Mund schob, schloss sie genüsslich ihre Augen. „Hmmmmmmmm“, machte sie.
Leif tat es ihr nach. Mit geschlossenen Augen konnte er diese Süße und das Unbeschreibliche noch besser schmecken. „Hmmmmmmm“, ahmte er Mama nach und fand, dass dies ein genau passendes Geräusch war.
Er kaute, lutschte, sog und drückte mit seiner Zunge an dem Stück herum, bis es nur noch dünner Brei war, dann schluckt er es hinunter und dieses Schlucken machte weit hinten im Hals noch einmal ein neues, herrlich prickelndes Gefühl.
Er öffnete die Augen und schaute strahlend in Mamas lächelndes Gesicht.
„Was ist das? Kann ich noch mehr?“
„Iss so viel du kannst, wir können es nicht mehr aufbewahren, wenn die Dose einmal geöffnet ist. Es sind Pfirsiche.“
„Was? Pfische?“ Leif begann zu kichern, während er das nächste Stück in den Mund schob.
„Nein, P-f-i-r-s-i-ch-e“, Mama kicherte jetzt auch.
Lachend aßen sie die Dose leer.
Nach dem Essen gingen sie hinaus und brachten den leeren Rucksack zur Feuertonne. Später würden sie ihn verbrennen. Er war kaputt und würde sich nicht mehr reparieren lassen.
Leider war auch sein Spielstuhl kaputt und so morsch, dass er nur noch als Brennholz taugte. Von dort, wo er gestanden hatte, führte eine breite Schleifspur bis zu den Stümpfen im Wald.
„Leif, ich möchte, dass du nicht mehr zum Wald gehst, bis wir es dir wieder erlauben. Verstanden?“
Leif nickte.
Am nächsten Tag kam Papa nach Hause und Leif rannte ihm entgegen. Papa hob ihn hoch und wirbelte ihn durch die Luft.
„Wir haben Dosen gefunden mit Pfirsich drin!“, rief Leif aufgeregt.
Papa stutze, setzte Leif auf den Boden und wechselte einen stirnrunzelnden Blick mit Mama.
Als sie ihm die Dosen zeigten, nahm er eine von den Flachen heraus. Am Nachmittag ging er mit Leif nach draußen vor das Haus. Sie hockten sich auf die Verandastufen und Papa öffnete die Dose.
Leif stieg ein fremder Duft in die Nase.
„Ah, es ist das, was ich vermutet hatte“, sagte Papa, nahm eine Gabel und hob damit etwas von dem Inhalt heraus.
„Probiere“, sagte er. „Es ist ganz anders als Pfirsich. Nicht süß. Lass dir Zeit.“ Leif sperrte erwartungsvoll den Mund auf.
Er schmeckte zuerst Salz, spürte etwas Weiches, Faseriges auf der Zunge und dann kam ein großes – Warmes? Dunkles? Schweres? Er kaute, seine Zähne zerteilten weiche Stücke und der Geschmack breitete sich in ihm aus wie eine Woge. Leifs ganzer Körper schien augenblicklich nach mehr zu verlangen, nach viel mehr! Seine Hände griffen nach der Dose, nach der Gabel.
Papa überließ ihm beides und beobachtete seinen Sohn, wie er noch im Kauen immer die nächste Gabel aus dem Blech pulte. Gierig schaufelte der Junge die ganze Dose leer. Er kleckerte, leckte sich die Lippen. Saft lief ihm übers Kinn und tropfte auf sein T-Shirt.
„Was ist das?“, nuschelte Leif mit vollem Mund. Seine Augen glänzten.
„Es ist Fleisch“, antwortete sein Vater leise und schaute auf den Staub zwischen seinen zerrissenen Stiefeln.
(Die Kurzgeschichte "Leif" ist 2023 in der Anthologie “Wenn der letzte Baum gerodet …” vom Herzsprung-Verlag erschienen.)