Ein Buch, das wir jetzt brauchen!
Tage am Fluss - von Jochen Mariss
Ich gehöre zu den Menschen, die sich allein vom Etikett einer Weinflasche oder vom Cover eines Buches zum Kauf verleiten lassen - ohne dass ich mich auch nur mit einem Gedanken mit dem Inhalt befasst habe. „Tage am Fluss“ passt genau in dieses Muster: Ich sah dieses wunderschöne Cover und wollte dieses Buch.
Und es hat mich in keiner Weise enttäuscht. Selten habe ich erlebt, dass ein Bild auf einem Buchumschlag so treffend die Seele des Inhalts widerspiegelt.
Sara, eine Frau „mittleren Alters“, wie man so unschön sagt, lebt allein am Fluss und bringt mit einer in die Jahre gekommenen Fähre die Menschen des Dorfes Erlengrund auf die andere Uferseite. Grimmig zwar, ungesellig und abweisend, aber ich liebe sie sofort, weil sie eins der großen Bedürfnisse unserer Zeit lebt: ein autarkes, abgeschiedenes Leben in der Natur. Nicht weil sie reich ist, im Gegenteil. Es fehlt an allen Ecken und Enden.
„Tage am Fluss“ beginnt mit einem idyllischen Morgen und einer Ahnung von Vergänglichkeit, die aber noch entfernt ist. Eine Armlänge oder Jahre, man weiß es nicht. (Und endlich beschreibt mal jemand, was für ein inniges Verhältnis man zu Hühnern haben kann.)
Dann taucht an der Fähre Leon auf – ein junger Mann, verletzt, der eine Unterkunft braucht. Sara ist maximal unbegeistert, lässt sich aber trotzdem überreden, Leon im früheren Zimmer ihres Bruders schlafen zu lassen und dafür seine Hilfe bei dringenden Instandsetzungsarbeiten zu erhalten. Und so beginnen die beiden, vorsichtig, misstrauisch, aber auch fasziniert voneinander, eine gemeinsame Zeit im „grünen Mond“ zu verbringen, wie Sara ihr Grundstück getauft hat.
Jochen Mariss versteht es, mich mitzunehmen in diesen Sommer am Fluss. Ganz vorsichtig füttert er mich an – mit Schönheit, Licht, Wärme, Fürsorge – und gibt zugleich, zum dran gewöhnen, die ersten kleinen Vorboten des drohenden Untergangs dazu: Kaum zu ertragende Hitze, Dürre und ein dramatischer Abfall des Pegelstandes am Fluss.
Der Autor bedient sich einer unaufgeregten, modernen und pointierten Sprache, die sich sehr angenehm lesen lässt. Da sind unmerkliche, treffende Metaphern, die ins Geschehen ziehen, ein latenter Witz, der die ganze Zeit Hoffnung transportiert und eine außerordentlich liebevolle und mitfühlende Art, sich den beiden Protagonist:innen zu nähern. Ich hatte keine Sorge, dass ich im Verlauf des Buches irgendwelche niederschmetternden Dystopien um die Ohren geschlagen bekomme. Und damit lag ich richtig. Jochen Mariss hat das viel geschickter angestellt.
„Das Buch des Sommers“ ist in diesem Fall keine Werbephrase, sondern auf den Punkt gebracht. Vor allem in DIESEM Sommer 2026, in dem es in Europa so viele Waldbrände gibt, wie noch nie, die Flüsse die niedrigsten Pegelstände haben und die Hitzetage eine Übersterblichkeit von 11.000 Menschen verzeichneten. Es ist genau der richtige Zeitpunkt für dieses Buch.
Sara und Leon sind – beide auf ihre eigene Weise - diese Art Menschen, die ihr Verhalten dem Klimawandel angepasst haben und dafür von der Gesellschaft als Sand im Getriebe empfunden werden, als Fortschrittsverhinderer, ja sogar als Terroristen.
Saras Leben ist von zwei Seiten bedroht - oder vielleicht ist es auch nur eine: Dem sogenannten Fortschritt, der unbedingt ihr Grundstück zubetonieren und eine Brücke bauen will, und dem Klimawandel. Leon hingegen, dem bewusst ist, dass er in seinem Leben noch viel weitreichendere Folgen der Klimakatastrophe erleben wird, hat Angst, weiß noch nicht, wohin sein Herz ihn zieht, wo er wirksam sein kann und ob er dazu überhaupt fähig ist.
Selten bisher wurden diese beiden großen, bösen Themen unserer Zeit – die Gier und die Klimakatastrophe – literarisch in etwas so Wunderbares und Schönes verpackt.
Das Wetter am Fluss wird feindlich und die Menschen werden es auch. Die ersten deutlichen Zeichen, dass die Welt sich ändert und die Menschen, ob sie wollen oder nicht, sich auch ändern müssen.
Eine wundervolle Stelle in der Geschichte ist die, wo Sara mit einem Gefühl der Kühnheit spontan von ihrem seit Jahren gleichen Brotrezept abweicht. Eine Handvoll Kürbiskerne und die Kunst des Autors, mehr ist nicht nötig, um das Wagnis Veränderung deutlich spürbar zu machen.
Mariss beschreibt, wie die Zeichen der Zeit langsam, aber unaufhaltsam in die einzelnen privaten Leben sickern. Wie kleine Idyllen erbittert verteidigt werden. Wie die einen voller panischer Ignoranz das Rezept „mehr desselben“ verfolgen und sich bemühen, Reichtum anzuhäufen, egal was es die Natur und die Nachbarn kosten wird. Und wie die anderen, die es gewagt haben, den Realitäten ins Gesicht zu schauen, den Wunsch entwickeln, Teil von etwas Größerem zu werden.
Eine Geschichte von Verlust und Gewinn. Und davon, dass unser Inneres, unser geheimes Leben, weitergeht, auch wenn uns feindliche Menschen und feindliches Wetter bedrohen. Emotionen und Bedürfnisse setzen angesichts von Katastrophen nicht aus.
„Tage am Fluss“ ist ein Lieblingsbuch, eine Trostgeschichte und ein sanftes an die Hand nehmen derer, die Angst vor der Zukunft haben.
Und bei alledem ist es auf großartige Weise unterhaltsam und wohltuend. Da ist immer noch eine Idylle in uns und Jochen Mariss öffnet sie, macht sie zugänglich und wir können uns darin erholen. Da sind immer noch Helden in uns und Jochen Mariss holt sie hervor, lässt sie in einem Showdown zu sich und ihrer Haltung finden.
Ein Buch das wir jetzt brauchen. Danke dafür Jochen Mariss!
Tage am Fluss
von Jochen Mariss
Kiepenheuer&Witsch 2026
ISBN 978-3-462-01367-2
Hardcover, Euro 23,00