Claudia Grothus

Autorin

Eine Architektur des Vergessens

Jetzt beginnt das Leben - von Alex Schulman

Als ich das Buch zum ersten Mal zur Hand nehme, weiß ich nichts über Alex Schulman – das ist Absicht. Ich recherchiere grundsätzlich nicht im Vorfeld, ich möchte, dass ein Buch für sich selbst spricht. Erst später lese ich, dass ich es mit einem der erfolgreichsten schwedischen Gegenwartsautoren zu tun habe, dessen Werke in dreißig Sprachen übersetzt wurden – und dass ich zwei seiner früheren Romane bereits angelesen, sie aber aus irgendeinem Grund zur Seite gelegt habe. Diesmal ist es anders.
Der Einstieg ist ungewöhnlich mutig: Das Leben des Pädagogen Vidar gerät aus den Fugen, nachdem er wegen eines groben Übergriffs auf einen Schüler vom Lehrdienst suspendiert wird. 
Gleichzeitig zu diesem Einschnitt findet er das Telefonbüchlein seiner Mutter und aus einer Laune heraus ruft er im Sommerhaus seiner Kindheit an – und am anderen Ende wird abgehoben! Fassungslos führt er Telefonate mit seinem eigenen Kind-Ich, seiner Mutter und seinem Vater. Die Anrufe erreichen die Familie seiner Kindheit an immer demselben 17. Juni 1986. Dies ist das einzige fantastisches Element in der ansonsten vollkommen realistischen Welt von „Jetzt beginnt das Leben“. 
Die Tatsache, dass Vidar immer am selben Tag anruft, ist ein kluges Plot-Schlufploch gegen Unlogik. Egal wie viel Zeit in der Gegenwart vergeht: Er ruft immer am 17. Juni 1986 an und seine Familie hat jedes Mal alle vorher erfolgten Anrufe zuverlässig wieder vergessen. So hält der Autor das Geschehen in einem gewissen Rahmen, der sämtliche weitere Science-Fiction-Elemente, die sonst möglich wären, in Zaum hält. 
Genau darin liegt die eigentliche Kunstfertigkeit des Romans: Ohne dieses eine Zugeständnis an das Fantastische wäre „Jetzt beginnt das Leben“ vermutlich nur eine weitere Geschichte über eine zerrüttete Kindheit. So aber entsteht ein Sog, der über weite Strecken trägt, obwohl im Grunde wenig geschieht.
Schulmans Stärke liegt in diesem Buch in der Konsequenz, mit der er auf klare moralische Zuschreibungen verzichtet. Der Vater ist menschenscheu, cholerisch und geht fremd; die Mutter ist misstrauisch, Alkoholikerin und scheint ihre Mutterschaft zu bereuen. Keine dieser Figuren wird zur bloßen Kontur ihrer Verfehlungen. Schulman gelingt es, für seine ProtagonistInnen trotz aller Härte, die sie einem Kind zufügen, Verständnis zu wecken, ohne dieses Verständnis mit Verzeihen zu verwechseln. Er erzeugt beim Lesen ein eigentümlich unbehagliches Gefühl der Nähe – man ist diesen schwierigen Menschen zu nah, um sie bequem verurteilen zu können. Genau diese Ambivalenz, gepaart mit der stillen Bedrohlichkeit einer nur geahnten, nie ganz greifbaren Erinnerung, macht Schulmans Roman zu einem Pageturner im besten Sinn.
Die gesamte Handlung stützt sich auf zwei Amnesien: der einen Stunde am Abend des 17. Juni 1986, die im Gedächtnis des Kindes eine Lücke hinterlassen hat, und diesem einen Vorfall in der Gegenwart, in dem der erwachsene Protagonist als Lehrer einem Schüler gegenüber gewalttätig wird und sich hinterher an nichts erinnern kann.
Wo der Roman ein wenig an Überzeugungskraft verliert, ist weniger in seinem Prinzip als in der Verdichtung. Dass ein einziger, ausgesprochener Satz, der über hundertneunzig Seiten hinweg ein großes Rätsel aufbaut, eine derart schlagartige, restlos eindeutige Wirkung entfaltet, wirkt ein wenig konstruiert. In der Realität wäre ein solcher Trigger selten reinrassig; er wirkt im Zusammenspiel mit Stress, Nähe, dem gerade herrschenden Kontrollgefühl – nicht als singulärer Schalter. Auch die Beharrlichkeit, mit der Vidar, trotz Kontaktverbots und drohender Haftstrafe, das Gespräch mit dem Schüler sucht, bleibt in ihrer Motivation seltsam unterbelichtet – ein wiederholtes „Ich konnte nicht anders“ trägt die Dringlichkeit dieses Risikos nicht ganz. An diesen Stellen spürt man die Konstruktion stärker als die Figur des Antihelden.
Ein Kapitel gegen Ende – nächtlich, traumartig, mit einer Galaxie am Himmel – fällt stilistisch so deutlich aus dem Rahmen, dass es wie nachträglich eingefügt wirkt; weder davor noch danach nimmt der Roman diesen Ton wieder auf. Und wenn am Schluss die Schwester lakonisch feststellt, jeder Tag ihrer beider Kindheit sei traumatisch gewesen, relativiert das die Sonderstellung gerade jener einen Stunde, auf die das ganze Buch zusteuert.
Am stärksten ist „Jetzt beginnt das Leben“ dort, wo Schulman seinen Figuren einfach zusieht, ohne der Dramaturgie nachzuhelfen. Die Geschichte einer parentifizierten Kindheit, geprägt von Alkoholismus und emotionaler Vernachlässigung, ist für sich genommen erzählenswert genug – sie braucht die doppelte Amnesie und die Anrufe durch die Zeit nicht als Beweis ihrer Bedeutung. Man mag berechtigterweise einwenden, dass gerade dieses fantastische Element den Roman erst zu dem macht, was er ist; unbestreitbar ist, dass er in seinen leisesten, unspektakulärsten Momenten am meisten berührt und beeindruckt.
Mein Fazit: Ich habe dieses Buch gern gelesen, ja, ich war sogar auf jede Lesezeit gespannt und habe es jedes Mal nur schwer wieder aus der Hand gelegt. Was will man mehr? Ein Roman darf ein bisschen anstrengend sein (das wird in unserer Zeit der puren Konsum-Literatur zunehmend vergessen), er darf unangenehme Gefühle wecken. Ich glaube, dass es sogar die Aufgabe von Literatur ist, uns knirschende Empfindungen zu verschaffen, damit wir ans Nachdenken und Nachfühlen kommen und dadurch wachsen.
Genau das ist Alex Schulman mit „Jetzt beginnt das Leben“ gelungen. Ganz klare Leseempfehlung.

Alex Schulman
„Jetzt beginnt das Leben“
dtv 2026
ISBN 978-3423285797
Hardcover, 359 Seiten
€ 24,00

 

Claudia Grothus - Autorin © 2026