• Lügen über meine Mutter - von Daniela Dröscher

    Lügen über meine Mutter - von Daniela Dröscher

    Eine Kindheit in den 80er Jahren

    Was, wenn wir erzählen, wie wir als Mädchen unsere Mütter wahrgenommen haben?

    Daniela Dröscher hat es getan und ihre fiktionale Geschichte in ein wunderbares Buch gepackt. Sie beschreibt eine Kindheit in den 80ern, die wir Boomer und Generation Xer eigentlich schon als fortschrittlich und modern empfunden haben.

    Oberflächlich gesehen passiert nichts Spektakuläres. Dennoch entstehen ganz subtil Unsicherheit, Beklemmung, Wut und Hilflosigkeit. Gefühle, an die wir uns erinnern können, wenn wir mit Hilfe von Daniela Dröscher in die eigene Kindheit eintauchen. Die Eltern hatten die Macht der Entscheidung und meistens haben wir Ihre Gründe nicht verstanden – oder besser verstanden als sie selbst. Und nicht selten machte uns dieses Ausgeliefertsein unfassbar ohnmächtig und wütend. Auch wenn es nur darum ging, was wir anziehen sollten oder wohin der Ausflug ging.

    „Lügen über meine Mutter“ führt über diese kindlichen Emotionen hinaus. Es erzählt aus Sicht eines kleinen Mädchens ihre schrittweise Parentifizierung in der fortwährenden Ehekrise ihrer Eltern. Stolz, Misstrauen, Scham und das Streben nach Wohlstand und Ansehen zersetzen den Familienfrieden. Die - historisch gesehen - plötzliche Möglichkeit zur Handlungsfreiheit der Frauen erhöht den Druck auf die maximal überlastete Mutter und treibt sie immer tiefer in ihre Adipositas-Erkrankung. Ihr Übergewicht scheint das zentrale Problem des Romans zu sein. Es wird aber auf schwer erträgliche Weise deutlich, dass das eigentliche Problem der schwache Vater ist, der für sein fortwährendes Scheitern das Übergewicht seiner Frau verantwortlich macht und sie damit massiv drangsaliert.

    Das erzählende Mädchen schlingert wie in einer Walnussschale auf dem unruhigen Wasser zwischen den Eltern und weiteren Verwandten.

    Aber ist es ein Drama, das Daniela Dröscher erzählt? Ich habe es nicht so empfunden. Ich habe eine Geschichte gelesen, die sehr respektvoll, ja geradezu liebevoll erzählt wird. Das Kind nimmt keinen festen Standpunkt ein – wie sollte es? Die Abhängigkeit von allen lässt sie versuchen, alle zu verstehen.

    Phrasen des kleinbürgerlichen Patriarchats der siebziger und achtziger Jahre sind reichlich kursiv in Szene gesetzt, was den Roman nochmals fest in seiner Zeit verankert und die heutige Sicht darauf, noch deutlicher hervorhebt.

    In kleinen, eingestreuten Kommentaren der erwachsenen Protagonistin erahnen wir zwischen den Zeilen, was das Erleben der Kindheit in all ihren Feinheiten mit einer später erwachsenen Persönlichkeit macht. Und wir ahnen auch, unter welchen inneren Zwängen unsere eigenen Eltern beiderlei Geschlechts versucht haben, den Spagat zwischen den überholten und den noch unbekannten Werten zu schaffen.

    Auch wenn es von Ohnmacht, Hilflosigkeit und einem privaten Kleinkrieg handelt, ist „Lügen über meine Mutter“ unterm Strich ein freundliches, sanftes und versöhnliches Buch, dass man kaum aus der Hand legen kann.

    Daniela Dröscher Lügen über meine Mutter
    ISBN:9783462001990
    Kiepenheuer & Witsch

  • Das Zeitalter der Resilienz - von Jeremy Rifkin

    Das Zeitalter der Resilienz - von Jeremy Rifkin

    Von der ökonomischen Anpassung an die Natur

    Steigende Effizienz bewirkt sinkende Resilienz – das ist der ganze Trick, den die Wirtschaft seit Beginn der Industrialisierung schlichtweg übersehen hat. Will sagen: So lange die Made im Speck sitzt, gibt es ja keinen Grund, mit dem Fressen aufzuhören oder auch nur darüber nachzudenken, wann der Speck womöglich mal alle ist …

    Schlaraffenland ist jetzt aber abgebrannt oder abgesoffen – je nach dem - , oder wird es in Kürze sein. Tatsache. Das kann man bestreiten, aber dadurch nicht verhindern.

    Effizienz bezeichnet das Verhältnis zwischen Leistung und Erfolg, beziehungsweise Einsatz (Kosten) und Gewinn (Ertrag). Und wir alle sind damit aufgewachsen, dass Effizienz etwas Gutes und äußerst erstrebenswert ist. Alles, was Vorgänge vereinfacht und bei weniger Arbeit und Kosten mehr Komfort oder Gewinn bewirkt, das wollen wir. Wer das schafft, der verhält sich vorbildlich, der hat begriffen, worum es in dieser Welt geht.

    Bei uns in der Gegend hat jemand mehrere große, gesunde Obstbäume mitsamt Wurzel aus seinem Garten gerissen, damit der Mähroboter den Rasen besser pflegen kann. Vorbildlich, dieser Mitbürger: mehr Effizienz bei weniger Arbeit. Wie töte ich meinen Grund und Boden am effektivsten und nachhaltigsten ab? By the way: Rasen hat nichts mit Natur zu tun. Und im nächsten Klimawandel-Sommer muss dieser Rasen bewässert werden, sonst ist das nur noch Wüste. Das Areal besitzt nämlich ohne die Obstbäume und mit akkurat gekürztem Gras keine Resilienz gegenüber dem veränderten Klima.

    Dieses Beispiel beschreibt das ganze Thema, worum sich Jeremy Rifkins Buch in vielen, höchst interessanten Schleifen dreht. Und es verdeutlicht dieses Denken von zwölf bis Mittag, das immer noch stumpf die überholten (Selbst-)Werte hochhält: Ordnung, Effizienz, Kontrolle.

    So viel zum Überdruss.

    Wir stehen alle vor grundlegenden Veränderungen. Unsere vertrauten Systeme halten den Anforderungen des Klimawandels nicht mehr stand. Wer sich auf die Suche nach Korrektur, Anpassung oder gar revolutionären Umbrüchen begibt, der sollte wissen, wo wir herkommen, vor welchem Background wir handeln. Bei dieser Rückschau, die eine Vorausschau erst sinnvoll möglich macht, bietet Rifkin fundierte Denkhilfen an.

    Jeremy Rifkins Buch, das immerhin auf 40 Erfahrungsjahre eines renommierten Ökonomen beruht und daraus auch seine Schlüsse zieht, ist sehr hilfreich für den eigenen Prozess, sich in all dem drohenden Chaos zu positionieren und eine Richtung einzuschlagen.

    Man muss allerdings bereit sein, Konzentration und Zeit aufzuwenden. Rifkin liest sich zwar sehr gut, ist aber so voll mit Informationen und spannenden Denkansätzen, dass es nicht zur Gute-Nacht-Lektüre taugt.

  • Der Anfang von Morgen - von Jens Liljestrand

    Der Anfang von Morgen - von Jens Liljestrand

    „Gewöhnt euch dran!“

    Was passiert mit einer ganz normalen Familie – inklusive ihrer persönlichen Probleme – wenn ihr Ferienhaus droht, von einem riesigen Waldbrand eingeschlossen zu werden? Was geschieht in einem hochzivilisierten, europäischen Land, wenn Hitze und Dürre schon in ganz naher Zukunft eskalieren?

    Ein Großteil von Schwedens Wäldern brennt. Es ist einer der heißesten Sommer der Wetteraufzeichnungen und einer der kühlsten der zukünftigen Jahre. Jens Liljestrands Roman könnte in 2030 spielen, es wäre aber genauso realistisch, wenn es 2023 wäre. Und es muss nicht Schweden sein – das Szenario ließe sich in jedem mitteleuropäischen Land vorstellen.

    Ganz normale Menschen, Familien, Junge, Alte, Arme, Reiche, Gute und Böse verlieren ihre Häuser und flüchten vor dem Feuer. Eine solche Massenbewegung lässt Verkehrswege kollabieren. Es fehlt an Rettungskräften, an Unterkünften, an Koordination.

    Während der eine Teil der Bevölkerung ganz normal weiterkonsumiert, die eigenen Zukunftsträume verfolgt und sich nach und nach durch die Brandflüchtlinge gestört fühlt, sehen sich andere plötzlich einem bedrohlichen Chaos ausgesetzt, in dem fast alle Lebensgrundlagen fehlen.

    Hoffnungslos gewordene Klimaaktivist:innen radikalisieren sich derweil und skandieren: „Gewöhnt euch dran!“

    Der Anfang von Morgen wandelt auf dem hohen, schmalen Grat, der unser ganz normales Leben mit einem gigantischen CO2-Fußabdruck von der Apokalypse trennt, vor der schon seit Jahrzehnten von Wissenschaftlern gewarnt wird.

    Und warum, frage ich mich, soll ich so ein Buch lesen, während in diesem Dürresommer 2022 direkt vor meiner Tür die Bäume sterben und die Wildtiere verdursten? Muss ich mir das geben, schonmal zu durchleben, was uns erwarten könnte?

    Das Seltsame: Dieses Buch macht mich stärker. Einfach mal den Realitäten, die schon an die Tür klopfen, ins Auge blicken, während – gefühlt – die meisten Menschen um mich herum ihre Finger in die Ohren stopfen, die Augen zukneifen und laut „Lalalaa“ singen, damit sie es nicht kommen sehen. Damit sie weiter all das geile Zeug haben und machen können, von dem sie glauben, dass es sie glücklicher macht.

    Jens Liljestrand reduziert es auf eine ganz klare Formel: Mit der Natur kannst du nicht verhandeln. Den natürlichen Gesetzen ist es völlig egal, ob wir eine Klimaabgabe zahlen, den Müll trennen oder einen Veggitag in der Woche einlegen und glauben, dafür dürften wir uns dann unsere ganz persönliche Klimasünde leisten.

    Aber das eigentlich Meisterhafte an diesem Buch ist Liljestrands gnadenlose Beschreibung von Wohlstandsbürgern in Not. Die Protagonist:innen wissen innerhalb kürzester Zeit nicht mehr, ob sie nicht ihre Stärken mit ihren Schwächen verwechseln.

    Wahnsinnig fesselnd. Ich habe gelesen wie besessen. Ein zu hundert Prozent zeitgemäßer Roman.

  • Klimagefühle - von Lea Dohm und Mareike Schulze

    Klimagefühle - von Lea Dohm und Mareike Schulze

    Klimaangst ist keine Krankheit

    Endlich kommen sie, die Bücher, die sich ernsthaft, reflektiert und auf wissenschaftlicher Basis mit unserem Umgang mit der Klimakatastrophe befassen.

    Spätestens in diesem Sommer 2022 können wir auch in Mitteleuropa nicht mehr mit dem Gefühl in den Pool springen, dass die Klimakrise – so wie alle anderen ernsthaften Probleme der Menschheit – nur irgendwo anders stattfindet. In fremden Ländern, in denen es eh schon heiß ist, wo Kriege herrschen und die Menschen Seuchen und Hunger haben.

    Der hauptsächlich von den kapitalistischen Ländern verursachte Klimawandel ist spürbar bei uns angekommen und hält Einzug in unsere Emotionen und unsere Beziehungen. Alle Menschen, die den Mut oder einfach nur die Intelligenz besitzen, wirklich hinzuschauen, erleben intensive Gefühle, für die es keine Strategie zu geben scheint. Sie erleben Konflikte unter FreundInnen, KollegInnen und innerhalb ihrer Familien. Wer sich klimaschädlich verhält, gerät genauso unter Beschuss wie diejenigen, die sich offen klimafreundlich verhalten. Neben der Sorge um unsere Zukunft müssen wir uns auch neu positionieren und einiges an Konflikten aushalten.

    Die Psychologinnen Lea Dohm und Mareike Schulze, beide engagierte Psychologists for future haben sich all dieser Emotionen angenommen und ein Buch für Dich und mich und die Klimabewegung geschrieben.

    Hilfreich, informativ, sachlich und trotzdem ganz von Herzen.

    Danke dafür!

  • Rabbits - von Terry Miles

    Rabbits - von Terry Miles

    Rasanter Trip in abgedrehte Details

    Terry Miles legt von der ersten Seite an ein ungeheures Tempo vor. Bei diesem Buch gibt es kein Überlegen, ob es einem wohl gefällt oder nicht: du bist sofort drin oder du bist nicht drin. Auch wenn man das Gefühl hat, nicht mehr folgen zu können: Nicht aufgeben! Weiterlesen! Denn spätestens bei einem konspirativen Treffen in einem Diner wird der Lesegenuss so groß, dass es einem völlig egal ist, ob man schon versteht, worum es eigentlich geht.

    Miles schreibt eine sehr coole und moderne Sprache. Der Plot ist wirklich originell. Schwierig ist, dass er sich sehr lange bei geheimnisvollen Andeutungen aufhält. Aber da in jedem Kapitel irgendetwas völlig Neues oder eine unerwartete Wendung vorkommt, kann man sich dann doch nicht so einfach von dem Buch trennen.

    Für Nicht-Gamer und normale Computer-Nutzer ohne besonderes Hintergrundwissen ist es zuweilen schwierig, die Finessen zu verstehen. Man braucht schon einiges an Konzentrationsvermögen.

    Das Ganze wirkt ein bisschen wie ein Text gewordener LSD-Trip. Auf jeden Fall ist Rabbits ein Geniestreich, große Schreibkunst und ziemlich abgefahren. Es wird mit Sicherheit jede Menge Nerds geben, die es lieben. Für Normal-LeserInnen ist es sehr anspruchsvoll, aber auch ein Lehrstück dessen, was in der modernen Literatur alles geht.

  • Acht perfekte Stunden - von Lia Louis

    Acht perfekte Stunden - von Lia Louis

    Alles, was ein Liebesroman braucht

    Vorweg: Ich glaube, Fans von modernen Liebesromanen kommen hier voll auf ihre Kosten. Und das auch noch mit angenehm zu lesender Sprache.

    Wir hören Noelles Gedanken zu. Gedanken, die sie hat, während sie in einem Schneechaos im Stau steckenbleibt und neben einem Unbekannten im Auto sitzt.

    Noelles Gedanken erzählen davon, wie unbeholfen sie sich fühlt, was für peinliche Kleidung sie trägt, wie sie sich nicht traut, wie Glück für sie unwahrscheinlich ist.

    Neben ihr der smarte, gutaussehende, große, trainierte, coole Bergsteiger mit Retterqualitäten.

    Der Liebesroman heißt „Acht perfekte Stunden“ und vom Klappentext wissen wir, dass es um acht Stunden im Auto, im Schnee, im Stau geht. Und dort steht auch „das beste Gespräch ihres Lebens“. Dieses Gespräch habe ich vermisst. Natürlich reden die Protagonisten, aber das beste Gespräch des Lebens?

    Noelles Gedanken, denen wir auch nach der Situation im Stau weiterhin zuhören, muten manchmal an, wie das Erzählen sehr alter Menschen: Bei jedem Schlagwort für irgendwas wird abgedriftet in beiläufige Nebenschauplätze. Man versteht, dass diese Geschehnisse innerhalb der Persönlichkeit ihre Bedeutung haben, aber es macht das Zuhören, bzw. Lesen anstrengend.

    Es tauchen weitere Figuren auf. Eine psychisch kranke Mutter, die das Motiv der Abhängigkeit erfüllt, eine durchgeknallte Freundin, welche die Freiheitssehnsucht vertritt und eine verstorbene Freundin für die notwendigen Schuldgefühle. Und dann ist da noch der Ex für die Konkurrenz zum Retter. Alles, was ein moderner Liebesroman braucht.

    Ich verstehe das Motiv. Eine Frau, die ihr ganzes Leben der betreuungsintensiven Mutter opfert (oder auf andere Weise unfreiwillig gebunden ist), wünscht sich ja diesen Schneesturm, oder eine andere Schicksalsmacht, die alles in Bewegung bringt und ihr einen Ausweg eröffnet.

    Und sehr unwahrscheinliche Zufälle gehören wohl zum Liebesroman dazu. Von daher denke ich, dass "Acht perfekte Stunden" für Freundinnen des Genres sicherlich ein tolles Buch ist. Ich persönlich gehöre eher nicht zur Zielgruppe.

  • Oh William - von Elizabeth Strout

    Oh William - von Elizabeth Strout

    Entspannt, tiefgründig und sanft

    Elizabeth Strout erzählt - in aller Ruhe. Man weiß eigentlich gar nicht so genau, warum man immer weiterliest. Da ist kein so viel zitierter Spannungsbogen. Aber dennoch möchte man ihr weiter zuhören. Denn genau dieses Gefühl entsteht beim Lesen: Ihr zuzuhören, wie sie erzählt. Aus ihrem Leben. Von ihrem Exmann William. Liebevoll und mit so viel Behutsamkeit und Respekt.

    Sie bewegt sich mit Leichtigkeit von Thema zu Thema, ergänzt etwas, schiebt eine bestimmte Erinnerung dazwischen, oder es kommt ihr ein Gedanke, der unbedingt auch noch erwähnt werden muss. Man hat das Gefühl, ihren Gedanken zu folgen, die nicht linear sind. Trotzdem baut sich die Geschichte im Zusammenhang auf, gewinnt an Tiefe und zieht in den Bann.

    Wir erfahren von kleinen, alltäglichen Geheimnissen, die es in jedem Leben, jedem Alltag und jeder Ehe gibt. Wir erleben tiefe Vertrautheit und auch dieses Augenverdrehen, weil man die Schwächen des anderen so gut kennt und sich nie etwas daran geändert hat.

    Auch bei Lucy und William scheint es, als hätte sich nichts geändert. Als würden sie ihre Ehe nach dem Verlust ihrer beiden neuen Partner einfach fortführen. Manchmal hat man das Gefühl, die beiden kennen sich zu gut. Dann wieder wird eine Verlorenheit fühlbar, aus der sie fast nicht wieder zusammenfinden.

    Hinter allem die vordergründig geliebte Mutter von William, die hintergründig sein Leben dominiert hat und auf deren Spuren sich beide in einer Art Roadtrip bewegen.

    Eine Geschichte, zu der man jederzeit zurückkehren und die man jederzeit verlassen kann, denn sie erzählt in leicht aneinandergereihten Erinnerungs-Episoden. Sie fühlt sich an, wie ein nachdenkliches Gespräch zwischen guten Freunden, das hier und da davon unterbrochen wird, dass man sich noch ein Glas Wein oder eine Schale Oliven holt.

    Ein Buch voller schnörkelloser Menschlichkeit.

  • Ombra - von Hanns-Josef Ortheil

    Ombra - von Hanns-Josef Ortheil

    Eitle Kunst

    Wie geht es einem Menschen, der durch eine Krankheit plötzlich in eine ihm vollkommen unbekannte Welt geworfen wird? Zuerst versucht er, dieser neuen Welt mit seinen gewohnten Regeln und Bewertungen zu begegnen. Und genauso macht es auch der Protagonist in „Ombra“.

    Hanns-Josef Ortheil gebührt höchster Respekt dafür, dass er seine persönliche Entwicklung mit uns teilt, welche er nach einer bedrohlichen Herzerkrankung durchlebt hat.

    Mir erschien „Ombra“ wie ein treffendes Portrait eines unerwartet, von seiner Krankheit ausgeknockten Künstlers und Intellektuellen, der, mit einer ausgeprägten, als Bescheidenheit getarnten Eitelkeit, seine Reha in einer ambulanten Klinik antritt.

    Er begegnet dort einem Alltag, der ihm ganz und gar fremd ist und den er, aus einer beobachtenden und ein wenig überheblichen Position heraus, beschreibt.

    Und dann ist da die immer wiederkehrende Betonung seiner Berühmtheit. Anscheinend kennen ihn alle Ärzte, Therapeuten und Mitpatienten, denen er in der Klinik begegnet und haben auch schon Bücher von ihm gelesen. Generös verspricht er einigen von ihnen eins seiner Werke, so als würde er nichts anderes erwarten, als dass die Empfänger auf eine solche Gunst gehofft hatten.

    Eigentlich versucht der Protagonist, seine Rolle als vielgelobter Autor und Künstler stumpf weiter aufrechtzuerhalten, obwohl er, durch seine Krankheit bedingt, unfähig ist zu schreiben oder seinen beruflichen Verpflichtungen nachzugehen.

    Als demonstrativer Außenseiter kultiviert er – vollkommen überfordert mit jeder Art gesunder Selbstfürsorge – erst sein Nicht-Können genüsslich als Sonderrolle und feiert dann jeden kleinsten seiner Fortschritte wie einen Geniestreich. Er verweigert sich mit diebischer Freude den - aus seiner Sicht - für ihn unpassenden Therapieangeboten und lässt sich schließlich nur auf einer höchst intellektuellen Ebene auf die Arbeit seiner Psychotherapeutin ein.

    Schließlich begibt er sich aus seinem Leidensdruck heraus auf den mühsamen Weg der Erforschung seiner Vergangenheit, seiner Fähigkeiten und der Gründe für seine Krankheit. Aber auch dabei klingt diese Selbstbeweihräucherung mit, die das Mitgefühl des Lesers in sehr bescheidenen Grenzen hält.

    Alles in allem habe ich eine ausgefeilte Sprache, originelle Dialoge und immer mal wieder sehr kurzweilige Passagen gelesen. So ganz hat mich „Ombra“ aber nicht erreicht, denn dazu hält der Autor seine Leser zu sehr auf Distanz.

    Aber womöglich wollte er das ja genau so. In dem Fall wäre es brillant – wenn man sowas mag.

  • Inmitten der Nacht - von Rumaan Alam

    Inmitten der Nacht - von Rumaan Alam

    Unserer Zeit auf die Haut geschrieben

    Je weniger man über den Inhalt dieses Buches weiß, desto besser. Der Klappentext und die Ankündigungen genügen vollkommen:

    Eine Familie in einem Ferienhaus. Auf einmal stehen am späten Abend zwei Fremde vor der Tür und behaupten, es wäre ihr Haus, in der Stadt sei der Strom ausgefallen und sie müssten jetzt hier wohnen. Aber was sie sagen, lässt sich nicht verifizieren, denn alle Mediennetze sind ausgefallen.

    Soviel sollte reichen, um das Interesse an der Geschichte zu wecken, ohne zu verraten, wo sie uns hinführt. Die Leserin oder der Leser sollten genauso ahnungslos bleiben, wie die handelnden Personen. Nur so wird eine Überraschung erlebbar, die eigentlich ja gar keine ist.

    Anfangs wunderte ich mich darüber, dass der Autor seine Protagonisten anscheinend nicht besonders mag. Wobei „mögen“ auch nicht der richtige Ausdruck ist. Eher scheint er von ihnen nichts zu erhoffen.

    Die Protagonisten selbst geraten fast unmerklich, aber auch unvermeidbar, in eine Situation, in der das wegfällt, was ihnen ihr Leben lang das Gefühl von Kontrolle verschafft hat: Informationen über ihre Welt. Und sie versuchen, einfach weiterzumachen mit ihrem Tag, das zu tun, was sie immer getan haben, was man eben tut. Sie halten sich an Formen und Werten fest, an Gewohnheiten, an vermeintlichen Weisheiten, an kleinen Genüssen. Aber da ist ein Teil von ihnen, der es weiß, der schlussfolgert, und sie versuchen, diesen Teil irgendwie in Schach zu halten.

    Rumaan Alam holt dieses Gefühl, es zu wissen, aber nicht wissen zu wollen, es kommen zu sehen, aber irgendwie davon auszugehen, dass es doch nicht kommt, fast genüsslich an die Oberfläche. Überdeutlich und stetig zunehmend fesselnd. Stumpfe Normalität wird unaufhaltsam durch eine als absurd empfundene Realität unterwandert. Und diese Realität ist da draußen, während wir drinnen Kuchen backen. Sie klopft an die Tür. Wir haben dieses Klopfen erwartet und sind trotzdem überrascht, dass es tatsächlich jetzt soweit ist.

    Letztendlich beschreibt „Inmitten der Nacht“ das aktuelle Lebensgefühl aller Menschen, die sich darüber im Klaren sind, was gerade mit unserem Planeten passiert. Die leise, sich Zeit lassende, lakonische Eindringlichkeit dieses Buches ist ganz große Erzählkunst! Ein Roman der unserer Zeit auf die Haut geschrieben ist.

    Unbedingt lesen!

  • Kairos - von Jenny Erpenbeck

    Kairos - von Jenny Erpenbeck

    Zwei Menschen, ein Zeitenwandel und die Unfähigkeit, mit Schuld umzugehen

    Direkt nach dem Prolog kommt das Erstaunen: Kann man eine Geschichte aus zwei Perspektiven gleichzeitig erzählen? Jenny Erpenbeck kann es. Wir erfahren von den beiden Hauptprotagonisten, der jungen Katharina und dem älteren Hans, was sie in jedem Moment ihrer beginnenden Beziehung denken und fühlen.

    Das Faszinierende an dieser Erzählweise sind die Einblicke in die Gedanken, die wir alle aus verliebten Zeiten kennen. Das Bangen, das Hoffen, das Infragestellen der kleinsten Geste, das Interpretieren jedes einzelnen Satzes, das suchtartige Verlangen nach der Gegenwart des Anderen und die vollkommene Inkompetenz, die Lage objektiv einzuschätzen.

    Wir begleiten Katharina und Hans in Ostberlin zwischen 1986 und 1992. Sie zelebrieren ihre Beziehung, als wäre sie etwas Heiliges, etwas, das Gedenktage, Ehrungen, Gleichnisse und Rituale benötigt. Sie verbinden ihre Liebe mit Musik, Kunst und Literatur.

    Er magnetisch angezogen von ihrer Unbedarftheit, sie seiner väterlichen Führung verfallend.

    In ihrer Verletzlichkeit bricht Katharina schließlich nach einer Zurückweisung kurz aus der Beziehung aus. Hier wendet sich das Blatt grundlegend und zeigt die längst erahnte Schattenseite ihrer Verbindung. Hans erhebt Katharinas Seitensprung zum Beziehungsinhalt, er instrumentalisiert ihre Schuld auf perfide und narzisstische Weise.

    „Kairos“ erzählt auf hohem Niveau, reißt hunderte Metaphern von der Antike über die klassische Musik bis zu Bertolt Brecht an und lässt sie dann, nachdem sie das Gefühl für den Moment vertieft haben, wieder liegen wie ein vergessenes, aufgeschlagenes Buch.

    Gleichzeitig ist „Kairos“ ein intensiv zu erlebendes Abbild der Zeitgeschichte und begleitet die DDR in der Phase ihres Untergangs. Und dabei geht es nicht um die dominante westliche Sicht, die immer nur auf DDR-Flüchtlinge, Grenzschüsse, Stasi und Bananen fokussiert. Es geht um Menschen, deren Lebenswelt auf einmal an allen Ecken und Enden bröckelt. Da rennen nicht alle selig mit ihrem Begrüßungsgeld in die Konsumtempel des Westens. Da verlieren auch Menschen ihre Verortung in ihrem vertrauten Wertesystem, fühlen sich seltsam verloren und auch einfach vom Kapitalismus okkupiert.

    „Kairos“ ist der Gott des richtigen Moments – in Jenny Erpenbecks Roman scheint für nichts der richtige Moment zu sein, außer für die erste zufällige Begegnung von Katharina und Hans.

    Sehr schön, einmal wieder intelligente, empathische und absolut lesbare Sprachkunst geboten zu bekommen.

  • Einer muss doch anfangen! - von Werner Milstein

    Einer muss doch anfangen! - von Werner Milstein

    Wenn Pubertät auf schreiendes Unrecht trifft

    Einmal mehr ein Buch über Sophie Scholl. Wobei ich die Betonung auf „über“ legen möchte. „Einer muss doch anfangen“ von Werner Milstein erzählt nicht „von“ Sophie, es findet nicht in ihr Inneres. Es berichtet distanziert wie ein Referat „über“ das Leben dieser jungen Frau, nimmt sie gleichsam unter eine Lupe. Die Leser sehen Sophie, aber eine Identifizierung mit ihr fällt aus dieser Perspektive schwer.

    Dabei ist das Buch schon sehr interessant und liefert gutes Basiswissen über Sophie Scholls Lebensweg. Dennoch verpasst Milstein fast zur Gänze den guten Rat für Autoren: Show, don’t tell! Das mag auch der Grund sein, warum Sophie Scholl beim Lesen nie in greifbare Nähe rückt. Ihre Emotionen und Gedanken werden - zweifellos durch ein ausführliches Studium von Quellen, Originalschriften und Basisliteratur - nur benannt: Sie war verzweifelt, sie war ruhelos, sie war auf der Suche. Aber man kann es nicht miterleben, weil der Text dauernd nach akribisch zusammengetragenen Fakten klingt.

    Auf jeder Seite scheint zu stehen: Wenn du es genauer wissen willst, dann lies halt selber in den Quellen nach. Das ist natürlich auch eine Art, zum Lesen zu motivieren.

    Vielleicht ist die erzählerische Distanz ja auch gewollt. Man lernt keine Heldin des Widerstandes kennen, sondern ein intellektuelles, verunsichertes, pubertierendes Mädchen auf der Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Daseins. Immerhin.

    Werner Milstein scheint es besonders wichtig zu sein, Sophies verzweifelte innere Suche immer wieder in den Vordergrund zu stellen, oder besser: immer wieder zu benennen.

    Man könnte auf den Gedanken kommen, dass es seine Absicht ist, die Antwort auf Sophies Fragen und das Ziel ihrer Suche im Christwerden darzustellen. Die Hinweise darauf verdichten sich zum bitteren Ende der Biografie immer stärker. Das Ganze gipfelt in einer Art Erlösungssituation kurz vor der Vollstreckung ihres Todesurteils, wo sogar ein Vergleich zu Jesus gezogen wird.

    Mir persönlich geht das zu weit. Ich halte es für höchst fragwürdig, die jungen Widerständler der Weißen Rose als christliche Märtyrer darzustellen. Sie waren Opfer. Natürlich haben sie moralische Größe bewiesen und das ist wichtig. Aber sie waren Opfer eines grausamen Systems. Gerade weil sie so jung, so leidenschaftlich und auf der Suche waren.

    Obwohl ich einiges an Fakten gelernt habe, empfand ich „Einer muss doch anfangen“ als eine Fleißarbeit mit christlicher Gesinnung. Und das ist ja völlig okay. Sinnvoll ist dieses Buch sicherlich für Eltern von Kindern, die bald in die Pubertät kommen. Die Verletzlichkeit der Jugendlichen in ihrem Selbstfindungsprozess wird sehr deutlich. Und deutlich wird auch, dass es für junge Menschen gefährlich wird, wenn Pubertät auf schreiendes Unrecht trifft.

    Ganz abgesehen vom thematischen Inhalt wurde das Buch leider recht billig produziert. Die Fotos sind lieblos hineingepflastert und es scheint überhaupt niemand korrekturgelesen zu haben. An auffällig vielen Stellen stolpert man im Lesefluss über groben Wortsalat. Das Thema hätte mehr handwerklichen Respekt verdient.

  • Das Experiment sind wir - von Christian Stöcker

    Das Experiment sind wir - von Christian Stöcker

    Worüber reden wir hier eigentlich?

    Wir diskutieren und argumentieren viel über unsere Zukunft. Über Klimawandel, die Folgen der Corona-Pandemie und den Weg, den wir jetzt wirtschaftlich, sozial und politisch einschlagen müssen.

    In diesen Diskussionen drehen wir uns aber viel zu häufig um persönliche oder gerade populäre Meinungen und Überzeugungen – also eher um gefühltes, schlimmstenfalls vermeintliches Wissen.

    Wir diskutieren dabei also, ohne uns dessen bewusst zu sein, nicht über die Realität, sondern über das, was wir für Realität halten. Das bringt uns nicht weiter. Es ist so gar nicht effektiv, Entscheidungen über die Zukunft aufgrund von Meinungen und nicht aufgrund von Tatsachen zu fällen. Wir benötigen eine Basis an wissenschaftlichem Verständnis dafür, was auf unserem Planeten gerade unaufhaltsam passiert.

    Was also müssen wir wissen, um sinnvolle und zielführende Diskussionen über unsere Zukunft zu führen?

    Christian Stöcker hat in seinem Buch „Das Experiment sind wir“ einen wirklich atemberaubenden Teil dieses Basiswissens zusammengestellt. Das Kernthema ist dabei die zunehmende Beschleunigung, das exponentielle Wachstum von allem, was der Mensch irgendwann einmal mit der Erfindung des Rads begonnen hat.

    Beim Lesen dieses Buches steigt immer mehr die Erkenntnis auf: Es wird nicht nur nichts so bleiben, wie es war, sondern diese Veränderung wird auf allen Ebenen immer rasantere Fahrt aufnehmen. Dinge, die wir in der fernen Zukunft verorten, geschehen viel schneller als erwartet. Das gilt für Captain Kirks Dialoge mit dem Computer, der innerhalb einer halben Generation Alexa oder Echo heißt, genauso wie für die Prognosen über den ungebremsten Klimawandel.

    Christian Stöcker gibt mit seinem inhaltsstarken Buch Wissen und Argumente an die Hand, sich an Diskussionen über den Klimawandel und das Weltgeschehen kompetent zu beteiligen. Dabei spannt er einen weiten Bogen, angefangen beim Verständnis für exponentielles Wachstum über die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz, menschliche Eingriffe in Gen-Codes und sozialpsychologische Handlungsgrundlagen - bis hin zu der These, den Spieß umzudrehen und zu fragen: Können wir den Planeten mithilfe der Exponentialfunktion retten?

    Zugegeben: Dieses Buch ist alles andere als ein Schmöker. Hier muss man schon sein Gehirn einschalten. Die nötige Motivation zum Weiterlesen kommt aber daher, dass die Themen wirklich extrem spannend sind und sich spürbar von Seite zu Seite das eigene Bild von der Realität unserer Welt ändert.

    Also: "Die Ausrede 'Das konnte doch niemand ahnen' zieht nicht mehr!"